Die LINKE BaWü

I. Qualität in der frühkindlichen Bildung:

1) Welche Bedeutung haben Familienzentren aus Sicht der Partei DIE LINKE für die Qualität und Chancengerechtigkeit in der frühkindlichen Bildung?

Familienzentren sind ein wichtiger Ort der frühkindlichen Bildung, wir sehen in ihnen eine Möglichkeit, Chancengleichheit zu befördern. DIE LINKE unterstützt den ganzheitlichen Ansatz der Familienzentren, weil hier Bildung, Erziehung und Betreuung mit Angeboten der Beratung und der Hilfe für Familien verbunden werden. Durch die Wohnortnähe können sie wichtige Unterstützung der Familien leisten. DIE LINKE unterstützt den Ausbau und die Weiterentwicklung von Familienzentren.

2) Was planen Sie in der kommenden Legislatur, um nach dem quantitativen Ausbau nun auch den qualitativen Ausbau im Kleinkindbereich (Kinder unter drei Jahren) weiter zu verbessern? Welche Maßnahmen haben Sie ggf. in der vergangenen Legislaturperiode bereits umgesetzt?

Zuerst möchten wir dem Eindruck entgegentreten, dass der quantitative Ausbau schon in ausreichendem Maße vollzogen wurde. Gerade in den großen Städten sind nach wie vor große Betreuungslücken vorhanden. Dies will DIE LINKE ändern.
Zu einer qualitativ hochwertigen Betreuung von Kindern und Kleinkindern gehört eine Verbesserung des Betreuungsschlüssels. Wir denken auch die frühkindliche Bildung inklusiv, die hier zusätzlich nötige Betreuung muss berücksichtigt werden. Außerdem muss der Erzieher:innenberuf aufgewertet werden, nicht zuletzt auch durch gute Bezahlung. Mittelfristig muss aber tatsächlich an der Ausbildung des Personals begonnen werden: Wir wollen die Anzahl der Studienplätze für Kindheitspädagogik ausbauen und die Ausbildungsplätze beitragsfrei machen.

3) Welche Maßnahmen planen Sie, um die aus der Pandemie entstehenden Herausforderungen für Kinder und Familien zu begleiten?

Tatsächlich sehen wir in den Hilfs- und Betreuungseinrichtungen einen erhöhten Finanzbedarf. Die Organisationen, Gruppen und Vereine, die Kinder und Jugendliche unterstützen, müssen ihre Arbeit fortsetzen können. Da dies unter Corona-Bedingungen oft nur mit einem erhöhten Personal- und Zeitaufwand zu bewerkstelligen ist, müssen die Mittel für die in diesem Bereich Tätigen aufgestockt werden. Da die Gelder in der Regel von der Kommune verwaltet werden, müssen hier die Beiträge des Landes für die Kommunen aufgestockt werden. Zusätzlich befürworten wir die Einrichtung runder Tische aus Trägern, Kommunen und Elternbeiräten, um den lokalen Erfordernissen Rechnung tragen zu können.

4) Wie werden Sie die Qualität der Maßnahmen aus dem Pakt für gute Bildung sowie dem „Gute-Kita-Gesetz“ evaluieren und weiter entwickeln? Wie werden diese Maßnahmen verstetigt?

Das “Gute-Kita-Gesetz” hat einen großen “Schönheitsfehler”: Es enthält keine Beitragsfreiheit. Das hält DIE LINKE aber für unabdingbar. Solange Beiträge für die KiTas bezahlt werden müssen, solange wird die KiTa einer wichtigen Funktion nicht gerecht werden können, nämlich der Armutsprävention durch frühkindliche Bildung. Die von einem breiten Bündnis vorgetragene Forderung nach Beitragsfreiheit wurde von der Landesregierung unter fadenscheinigen Gründen abgelehnt.
Grundsätzlich müssen die Erzieher:innen mehr Zeit für die pädagogische Arbeit haben, die Ausbildung muss akademisiert und Vergütung erhöht werden.

5) Wie möchte die DIE LINKE Familienzentren (nach der obenstehenden Definition) in Zukunft in Baden-Württemberg weiter fördern?

Wir wissen, dass Familienzentren ein sehr wichtiger Baustein gegen Kinderarmut ist. Kinderarmut hat für die Betroffenen weitreichende Konsequenzen in Form von Konzentrationsproblemen, schlechtere Zukunfts- und Bildungsperspektiven und sind häufiger von Ausgrenzung betroffen. Bereits mit sechs Jahren können sich arme Kinder im Schnitt schlechter konzentrieren und sind häufiger übergewichtig und krank als ihre nicht armen Altersgenoss:innen.
Die Träger von KiTas sollten ermutigt werden, diese in Familienzentren umzuwandeln. Das Ziel sollte sein, die Anzahl der Familienzentren zu erhöhen. Die Landesförderung für die Familienzentren muss angepasst werden.

6) Der Bundesverband für Familienzentren e.V. hält vor allem den Early Excellence Ansatz und das Sure Start Programm aus England geeignet, um Inklusiongelingend umzusetzen: Wir beziehen uns auf eine Definition von Inklusion, die nicht nur die Kinder mit Förderbedarf einschließt, sondern die Unterschiedlichkeit von Geschlecht, Ethnie, Religion usw. mit aufnimmt (vgl. Prengel, Annedore: Pädagogik der Vielfalt. Opladen1993/2006)., Wie kann die Inklusion im o.g. Sinn in Baden-Württemberg gelingend umgesetzt werden? Wie möchte die Partei Die Linke in der kommenden Legislaturperiode die Inklusion im frühkindlichen Bereich in Baden-Württemberg – auch vor dem Hintergrund einer vielfältiger werdenden Gesellschaft weiter vorantreiben?

Inklusion, Diversität, Umwelt-, Friedens- und Demokratiebildung sind für uns übergreifende Prinzipien, die im gesamten Bildungssystem zu verwirklichen sind, die Forderungen der UN-BRK sind für DIE LINKE im Bereich der Inklusion maßgeblich. Barrierefreiheit muss hier ebenso Standard sein, wie professionelle Inklusionsfachkräfte. Außerdem müssen Dolmetscher:innen für Elterngespräche verfügbar sein.

II.  Strukturelle und finanzielle Rahmenbedingungen

1) Möchte die Partei Die Linke Einrichtungen, die ein umfassendes und ganzheitliches Angebot für Familien anbieten, zusätzlich fördern? Das Landesförderprogramm „Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren“ wurde eingerichtet. Wie sieht die Weiterführung des Programms aus Ihrer Sicht aus?
a. Welche personellen oder finanziellen Ressourcen für die Familienzentren wird die Partei Die Linke auf Landesebene in Zukunft zur Verfügung stellen?
b. Bedarfsgerechte Vernetzung zum Wohle der Familien im Sozialraum und ein an die Bedürfnisse der Familien angepasstes Angebot bedürfen einer Koordination. Inwiefern sieht die Partei Die Linke diese Koordinationsaufgabe bei einer Kindertageseinrichtung / einem Familienzentrum? Wird die Partei Die Linke bei einer Regierungsbeteiligung diesen Koordinierungsaufwand beim Landesförderprogramm strukturell oder finanziell noch mehr berücksichtigen?

DIE LINKE steht einer Weiterentwicklung der Kitas zu Familienzentren positiv gegenüber. Das Landesförderprogramm „Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren” ist unzureichend und muss erweitert und aufgestockt werden. Auch der höhere Koordinierungsaufwand für die Vernetzung wird erkannt. Detaillierte Forderungen werden erarbeitet, sobald DIE LINKE in den Landtag einzieht.

2) Wie möchte Die Linke die Familienfreundlichkeit in Baden-Württemberg fördern?

Damit Familien gut leben können, bedarf es zunächst sicherer Existenzgrundlagen: Eine leistbare Wohnung, ein sicheres Einkommen bzw. eine sanktionsfreie Grundsicherung und eine gute Gesundheitsversorgung sind hier die Basis. Die Teilhabe am gesamten gesellschaftlichen Leben muss für alle Familienmitglieder möglich sein, hierzu gehören u. a. Bildungs-, Kultur- und Sportangebote. Für Familien mit geringem Einkommen müssen diese über Vergünstigungen z. B. über Familienkarten möglich gemacht werden. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss durch familienfreundliche Arbeitszeiten und eine bedarfsgerechte kostenlose Kinderbetreuung gesichert sein.

3) Sieht Die Linke die Notwendigkeit einer Änderung des Kindertagesbetreuungsgesetzes (KiTaG) oder die ausführende Landesverordnung in der kommenden Legislatur? Werden die Familienzentren in diese Gesetzgebung verbindlich aufgenommen?
a. Wenn ja, in welcher Hinsicht und wie?

Sollte die LINKE in den Landtag kommen, wird sie sich für eine Aufnahme der Familienzentren in das KiTaG einsetzen.

III. Vereinbarkeit Familie und Beruf:

Für viele Familien und besonders für Mütter ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oft noch eine Herausforderung.Und selbst wenn sie gelingt, so wären doch gerne mehr Mütter mit einer höheren Wochenstundenzeit erwerbstätig oder wünschen sich mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung (siehe AID:A Survey II: Aufwachsen in Deutschland des DJI). Die Pandemie hat verstärkt gezeigt, welche Herausforderungen meist Frauen bewältigen zwischen Homeoffice, Schulbegleitung zuhause und Kinderbetreuung.

1) Wie möchte die Die Linke die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Pflege und Beruf in Baden-Württemberg in Zukunft gestalten?

Wir wissen, dass der Gender-Pay-Gap vor allem ein Gender-Care-Gap ist. Weil Frauen eine unglaubliche Menge von in der Regel unbezahlter Care-Arbeit leisten, müssen sie mit prekärer Arbeit, Minijobs und befristeten Verträgen ihren Unterhalt fristen und sind häufig von Altersarmut bedroht. Deswegen will DIE LINKE Sorge- und Pflegearbeit gesellschaftlich aufwerten und gerecht zwischen den Geschlechtern verteilen. Dazu muss die öffentliche Daseinsvorsorge in Pflege und Erziehung ausgebaut werden. Die öffentliche Hand kann hier z. B. steuern, in dem sie die Auftragsvergabe an die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen und an familienfreundliche Strukturen bei den Auftragsnehmen koppelt.

2) Welche Faktoren (Öffnungszeiten, Angebot, Partizipation der Eltern) sind für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus Sicht der Linken maßgeblich und wie planen Sie diese in der kommenden Legislatur gezielt zu verbessern?
a. Öffnungszeiten von Kindertageseinrichtungen und Betreuungsangebote für Eltern im Schichtdienst:
b. Bedarfsgerechte Angebote in oder im Umfeld der Kindertageseinrichtung (One-Stop-Shop-Prinzip: Beratung, Bildung, Begegnung und Begleitung für Familien an einem Ort)
c. Partizipation der Eltern–Eltern als Experten für ihre Kinder ernst nehmen:
d. Zusätzliche Faktoren, die aus Sicht der Partei die Linke maßgeblich sind:

Eine gute Antwort auf diese Frage ist aus Sicht der Partei DIE LINKE ein flexibler Mix aus allen genannten Möglichkeiten, die sich nach den Bedürfnissen der Kinder und der Eltern vor Ort richtet und noch weiteren Faktoren. Wir sehen vor allem die Notwendigkeit für ein Ganztags-Betreuungsangebot für Kinder, das ausfinanziert ist. Unseres Erachtens muss sich aber vor allem die Arbeit dem Leben und nicht das Leben der Arbeit anpassen. Das heißt, wir wollen Unternehmen und Verwaltungen so organisieren, dass sie den Bedürfnissen der Familie Rechnung tragen und nicht umgekehrt.

IV.  Inklusion und Umgang mit Heterogenität in Kindertageseinrichtungen

Familienzentren eignen sich besonders um Inklusion von Familien vor Ort zu fördern und anzuregen. Vielfalt und Unterschiedlichkeit im Alltag zu leben bleibt eine Herausforderung.Durch die Sozialraumorientierung und einem bedarfsgerechten ganzheitlichen Angebot sind Familienzentren (bzw. Eltern-Kind-Zentren, Kinder-und Familienzentren oder Familienkitas) ideale Brückenbauer, beispielsweise zwischen Familien mit internationaler Geschichte und dem Sozialraum.

1) Welche Rolle spielen aus Sicht der Partei Die Linke Kindertageseinrichtungen und vor allem Familienzentren bei der Integration/Inklusion von Asylbewerbern/Menschen die in Unterkünften leben, in Städte und Gemeinden?

Unseres Erachtens ist der Beitrag von Kindertageseinrichtungen an dieser Stelle nicht zu unterschätzen. Kinder lernen am besten voneinander und miteinander im sozialen Kontakt. Wir haben während des letzten Jahres sehr deutlich feststellen müssen, das insbesondere Kinder aus Unterkünften bzw. Kinder von Geflüchteten durch die Schließungen in ihrem Erwerb der deutschen Sprache heftig zurückgeworfen wurden. Hier zeigt sich sozusagen ex negativo wie hoch die Integrationsleistung der Familienzentren und KiTas ist.

2) Welche Chancen ergeben sich aus Sicht der Partei Die Linke aus der Inklusion im frühkindlichen Bereich?

Hier ergeben sich ähnliche Folgerungen wie aus dem obigen Punkt. Gelebte Inklusion ist ein wichtiger Teil des Lernens von sozialem Miteinander, das Selbstbestimmung, Diversität und Kreativität erreichen will. Die Un-BRK ist für uns an dieser Stelle für uns maßgeblich.

3) Welche Chancen sieht die Linke in der aufsuchenden Arbeit in den Familien, um die Inklusion von Familien, vor allem mit internationaler Geschichte zu fördern? Gibt es Pläne zum Ausbau aufsuchender Arbeit? Welche Träger sind beauftragt, diese auszubauen?

Aufsuchende Arbeit ist ein wichtiger Bestandteil, um die Familien zu unterstützen, die Kriegs und/oder Fluchterfahrung verarbeiten müssen, die Kulturdifferenzen verarbeiten müssen und wo zwischen den Generationen Konflikte vorhanden sind. Durch die Begegnung im eigenen Umfeld können Integrationsprozesse befördert werden. Wir erachten aufsuchende Sozialarbeit als sehr sinnvoll, sie muss deutlich ausgebaut werden.

4) Wie möchte die Partei Die Linke die im Rahmen des ESF-Bundesprogramms Elternchance II vorgesehene Qualifizierung ausgebildeten Elternbegleiter*innen in Baden-Württemberg in Zukunft nutzen? Was plant die Partei die Linke diesbezüglich?

DIE LINKE sieht in dem Bundesprogramm Elternchancen II Möglichkeiten, die Flüchtlingsfamilien zu stärken, um eine wirkliche Teilhabe aller Kinder am Bildungssystem zu fördern. Unter Berücksichtigung der Lebenslage und Lebenswelten der Flüchtlinge können die qualifizierten Elternbegleiterinnen und Elternbegleiter die soziale Benachteiligung von Familien und ihren Kindern durchbrechen. Alle Kinder sollen chancengleich an guter Bildung teilhaben können.

5) Wie möchte die Partei Die Linke kultursensible und religionssensible Kompetenzen bei pädagogischen Fachkräften an Kindertageseinrichtungen und in der Familienbildung fördern?

Hier sehen wir viele Möglichkeiten durch den Ausbau der Kinderpädagogik und der Ausbildung. Aktive Antidiskriminierungspolitik umfasst unseres Erachtens verpflichtende interkulturelle Aus- und Weiterbildung für alle Lehr- und Staatsbeschäftigten, also auch der Beschäftigten in KiTas und Familienzentren. Mehr Menschen mit Migrationsgeschichte unter den Beschäftigten würde kultursensibles und religionssensibles Verhalten fördern.

V. Zuständigkeitsübergreifende Kooperationen

Kinder-und Familienzentren befinden sich an der Schnittstelle von Gesundheits-, Jugend- und Sozialbehörden. Ein Charakteristikum für pädagogische und soziale Dienstleistungen in Deutschland sind Vielfalt und Nebeneinander unterschiedlicher Angebotsformen und Träger von Angeboten. Für einzelne Familien und Kinder sind verschiedene Behörden zuständig. Die Träger- und Angebotsvielfalt ist ein Vorteil, wenn regelmäßig Abstimmungen zwischen den Beteiligten stattfinden. Bislang findet eine familienbezogene Koordination der Zuständigkeiten und Angebote wenig statt.

1) Welche Maßnahmen plant die Partei Linke auf Bundes-und Landesebene,um die Entsäulung der Zuständigkeiten vorzunehmen, damit eine verbesserte Abstimmung der Angebote von Dienstleistern wie Jugendhilfe, Sozialhilfe und dem Gesundheitswesen stattfinden kann?

DIE LINKE ist für eine Verschlankung von bürokratischen Abläufen. Zugänge zu behördlichen Leistungen müssen für alle niederschwellig für alle Menschen zugänglich sein. Einheitliche Ansprechpersonen sind dabei sehr wichtig. In jedem Falle ist eine bessere Koordinierung anzustreben und muss den lokalen Bedürfnissen angepasst werden. Konkrete Maßnahmen auf Landesebene können nach Einzug in den Landtag diskutiert werden.

2) In Baden-Württemberg ist die Zuordnung der Tageseinrichtungen für Kinder zum Kultusministerium und der Familienbildung zum Sozialministerium einer ganzheitlichen Bildung nicht förderlich. Wie kann die Zusammenarbeit zwischen den Ministerien verbessert werden?

Dieser Auffassung stimmen wir zu. Die Zusammenarbeit zwischen den Ministerien muss in jedem Fall durch kooperative Arbeitszusammenhänge zu gemeinsamen Themen so verstetigt werden, dass man zu abgestimmten und verlässlichen Lösungen kommt.

Henric Meyer
DIE LINKE Baden-Württemberg